Wenn wir der Stimmungsmache folgen und den dicken Emil geben, werden irgendwann die alten Rechnungen präsentiert

Veröffentlicht am 15.03.2015 in Europa

“Die Anti-Griechenland-Stimmung, die in vielen deutschen Medien verbreitet wird, ist hochgefährlich. Und wir sitzen im Glashaus: Nur durch den weitgehenden Schulden- und Reparationsverzicht seiner Kriegsopfer aus dem Zweiten Weltkrieg ist Deutschlands Wiederaufstieg möglich geworden.

  1. Deutschland hat im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege begonnen … und anschließend haben die Feinde die Reparationszahlungen ganz oder in beträchtlichem Umfang erlassen. Dass die Bundesrepublik ihre wirtschaftliche Blüte der Gnade anderer Völker verdankt, hat auch in Griechenland niemand vergessen.
    Die Griechen kennen die feindlichen Artikel aus deutschen Medien sehr gut. Wenn die Stimmung im Land umschlägt, alte Forderungen nach Reparationszahlungen laut und auch von anderen europäischen Staaten erhoben werden und Deutschland diese je einlösen muss, werden wir alle bis aufs Hemd ausgezogen. Wenn wir hier der Stimmungsmache folgen und den dicken Emil geben, der die Zigarre pafft und nicht zahlen will, dann werden irgendwann die alten Rechnungen wieder präsentiert.”
    Quelle: Norbert Häring

     

    Anmerkung unseres Lesers J.P.: Norbert Häring zitiert aus einem alten SPON – Artikel, der uns vor Augen führt wie verantwortungslos und gefährlich die PR-Narrative weiter Teile unserer Medien sein können.

    Anmerkung RS: Das ist ja nur konsequent. Wenn man von anderen verlangt, dass sie ihre Schulden bis auf den letzten Cent zurückzahlen, darf man sich nicht wundern, wenn das Gleiche von ihm verlangt wird. Anstatt diese Selbstverständlichkeit einzusehen, werden die Griechen dafür beschimpft, dass sie so “unverschämt” sind, von den Deutschen genau das zu verlangen, was die Deutschen von ihnen verlangen, nämlich, dass sie ihre Schulden zurückzahlen. Und die Deutschen halten sich dabei auch noch für die moralisch Überlegenen. Dreister geht’s nicht.

    Siehe auch: Deutschland ist der größte Schuldensünder des 20. Jahrhunderts
    Quelle: Spiegel Online

  2. Was kostet die Schuld?
    Fleischer war Mitte der 70er-Jahre im Bundesarchiv in Koblenz ein Konvolut frisch eingetroffener Akten aus US-Beständen in die Hände gefallen. Darin fand sich auch jene “Denkschrift”, in der Reichsbankbeamte Anfang 1945 die “Reichsverschuldung gegenüber Griechenland” auflisteten. Hier war auch der Zwangskredit von 476 Millionen Reichsmark von 1942 verzeichnet.
    Fleischer sagt, generelle Reparationsforderungen Griechenlands hätten heute keinen Erfolg mehr. Deshalb sollte Athen darauf “offiziell verzichten”, was das Land bislang nie getan hat. Der Verzicht sollte allerdings, so Fleischer zur Süddeutschen Zeitung, “mit der dringenden Bitte verbunden werden, dass man sich an einen Tisch setzt” und mit der alten Anleihe befasst.
    Denn die war eine griechische Besonderheit, in keinem anderen von den Nazis besetzten Land habe es so etwas gegeben, betont Fleischer. Hier hat Athen also einen Punkt. Der Historiker widerspricht daher auch dem Argument, der Zwangskredit falle unter die “Reparationen”, die sich 70 Jahre nach Kriegsende “unter Freunden” erledigt hätten, wie Berlin argumentiert.
    Quelle: Christine Schlötzer, Joachim Käppner in der SZ
 

Kurt Tucholsky 1890 - 1935

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