US-Wahlkampf: Das Phänomen Bernie

Veröffentlicht am 16.04.2016 in Presse

Was ist da los? Wie kann es sein, dass nach Obama nun ein rüstiger 74-Jähriger der neue Hoffnungsträger der linken Jugend ist?

Klar, das ist sehr beeindruckend. Bernie Sanders steht allein auf der Bühne, Washington Square Park, Downtown Manhattan. Ein alter Herr, Brille, weiße Haare, Typ zerstreuter Professor. Und vor ihm eine jubelnde Menge von jungen Leuten. 27.000 sollen es sein. Vor neun Jahren wurde an der gleichen Stelle Barack Obama von seinen Anhängern gefeiert, bald darauf wurde er Präsident. So geht Gänsehautfeeling.
Was ist da los? Wie kann es sein, dass nach Obama nun ein rüstiger 74-Jähriger der neue Hoffnungsträger der linken Jugend ist? Sie sind extra an diesem Abend gekommen, um ihn sprechen zu hören. Sie rufen „Bernie, Bernie“. Es riecht nach Marihuana. Auf den Plakaten steht: „Feel the Bern“, was so viel heißen soll wie: „Spüre das Feuer“. „Es geht hier nicht nur um die Wahl eines neuen Präsidenten, sondern um den Beginn einer politischen Revolution“, ruft Sanders seinen Anhängern zu. „Bernie, wir lieben dich“, ruft eine junge Frau zurück. Alle reden in diesem Wahlkampf über Donald Trump. Aber das zweite echte Phänomen ist der Erfolg von Bernie Sanders. Er versammelt mit Abstand die größten Menschenmengen, in Arizona kamen 11.000, in Seattle 15.000. Stolze 28.000 Fans waren es in Portland.
Quelle: Spiegel Online

Anmerkung J.K.: Es ist klar, für die neoliberalen „Qualitätsjournalisten“ in Deutschland, von denen nicht wenige vermutlich transatlantisch mit den US-Eliten bestens vernetzt sein dürften, wäre ein amerikanischer Präsident mit dem Namen Bernie Sanders der nackte Alptraum. Ein dezidierter Gegner des Neoliberalismus im Weißen Haus, ein stärkere weltweite Symbol- und Signalwirkung kann man sich nicht vorstellen. Sehr amüsant die im Artikel gespielte Überraschung über den Erfolg Bernie Sanders. Ist es wirklich außerhalb der Vorstellungskraft der deutschen „Qualitätsjournalisten“, dass die Menschen irgendwann einmal beginnen sich gegen eine Politik zu wehren, die ihnen seit mehr als zwanzig Jahren eine beständige Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen beschert? Auch die Semantik Nelles ist interessant. Er schreibt mit 1305 Stimmen gegen 1086 führe Clinton klar und suggeriert einen weit abgeschlagenen Bernie Sanders. Als eine klare Führung kann man das aber nicht bezeichnen. Hier ist wohl der Wunsch der Vater des Gedankens. Die Diffamierung von Sanders Programmatik als linke Spinnereien, jenseits einer vermeintlichen neoliberalen Alternativlosigkeit, darf selbstverständlich nicht fehlen. Wobei man sich ohne schlechtes Gewissen Fragen darf, was am Nachfolgenden so verrückt sein soll? „Sein Programm sind die gängigen linken Gassenhauer. Er fordert massive Steuererhöhungen für Reiche und Unternehmen, die Abschaffung von Studiengebühren, mehr Gerechtigkeit bei Gehältern, eine Anhebung des Mindestlohns von sieben auf 15 Dollar. Er will die großen Wall-Street-Banken zerschlagen, den Klimawandel bekämpfen, Fracking verbieten und hält globale Handelsabkommen für Teufelszeug.“

 

Kurt Tucholsky 1890 - 1935

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Das Gegenteil ist schon schwieriger.

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