PISA und Realitätsverlust

Veröffentlicht am 19.11.2008 in Bildung

Wir sind wieder wer: Das ist das Fazit, das die Kultusminister aus dem dritten Pisa-Bundesländervergleich ziehen. Schüler aus Sachsen, Bayern und Thüringen zählen demnach nicht nur in Deutschland zur Spitzengruppe, sondern können international mithalten. Innerhalb von sieben Jahren ist der deutsche Pisa-Frust in eine regionale Pisa-Euphorie umgeschlagen. Die Studien dienen nicht mehr nur dem Erkenntnisgewinn, sondern sind nun auch wirksames Mittel zur Selbstbefriedigung.

Zunächst darf man durchaus staunen, dass sich Deutschland innerhalb von nur sieben Jahren vom Bildungsloser zum Einserkandidaten gemausert hat. Sonst braucht Politik doch immer viel länger, um Wirkung zu entfalten. Die Vermutung liegt daher nahe, dass sich Bildungspolitiker dem Pisa-Stress unterordnen und auf kurzfristige Erfolge setzen. Dafür spricht, dass Lehrpläne auf Pisa-tauglich getrimmt werden und die Teilnahme an den Vergleichsarbeiten für die Schüler in fast allen Bundesländern verpflichtend ist. Ob diese Bildungspolitik wirklich nachhaltig ist, also Schüler tatsächlich besser ausbildet und die Weichen für ein gerechtes und international wettbewerbsfähiges Bildungssystem stellt, ist hingegen zweifelhaft.

Betrachtet man die Entwicklung nüchtern, dann zeigt sich, dass der Anteil der Neuntklässler, die als Risikoschüler auf Grundschulniveau verharren, wenig gesunken ist. Chancengerechtigkeit ist im deutschen Schulsystem weiterhin nicht gegeben. Deutsche Schüler, deren Eltern zugewandert sind, zählen zu den Verlierern, genauso wie Kinder aus bildungsfernen Familien.

Beim Bildungsgipfel im vergangenen Monat waren sich alle einig: Die Zahl der Schulabbrecher muss halbiert werden, und die Herkunft darf nicht mehr wie bislang über die Bildungschancen der Kinder entscheiden. Um diese Zusagen einzuhalten, ist die Selbstbeweihräucherung über kurzfristige Lernerfolge wenig hilfreich. Denn auch das zeigt der Bundesländervergleich: Wo die schwachen Schüler gefördert werden, schneiden alle besser ab.

 

Kurt Tucholsky 1890 - 1935

Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann.
Das Gegenteil ist schon schwieriger.

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