Mitten in Deutschland - Umgang mit Demenzkranken

Veröffentlicht am 12.05.2010 in Gesundheit

Senioren warten auf einen Bus, der niemals kommt. Diese nicht unumstrittene Haltestelle in Remscheid ist nur eine Attrappe. Sie soll Demenzpatienten vom Davonlaufen abhalten.

Die Heimbewohner aus Remscheid nahmen an einer nagelneuen Haltestelle Platz und warteten. Ein Bus ist allerdings bis heute nicht gekommen, seit die Haltestelle im Jahr 2006 aufgestellt wurde.

Seither harren in immer mehr geriatrischen Einrichtungen Deutschlands Menschen mit Alzheimer oder anderen Demenzleiden an fingierten Haltestellen aus. Manche der grün-gelben Schilder sind sogar mitten in den Gebäuden aufgestellt.

Die Betreuer erleben täglich, dass Demenz-Patienten auf der Bettkante sitzen und fragen, wann der Zug endlich in ihrem Heimatort halte. Andere Kranke verlassen die Einrichtungen, weil sie glauben, dass Arbeit oder die Familie auf sie warteten.

Alzheimer-Patienten sind bei derartigen Alleingängen schon tödlich verunglückt. Kein Heim will so etwas erleben. Doch rechtfertigt dies, Patienten so hinters Licht zu führen?

Wenn es nun Senioren aus dem Heim drängt, nehmen die Betreuer sie mit zur Bushaltestelle. "Man unterhält sich über das Wetter und die Blumen und bald haben die Patienten vergessen, wo sie hinwollten", sagt Loinjak.

Fragen, warum an dem Schild kein Bus halte, habe sie noch nie gehört. An der Schein-Haltestelle im Geschwister-Louis-Haus in Vossenack in der Eifel beschweren sich Heimbewohner gelegentlich schon, dass kein Bus komme, räumt Heimleiter Helmut Rüttgers ein. Seine Mitarbeiter erklärten in diesen Fällen, dass der Bus ausfalle: "Dann gehen die Bewohner wieder mit ins Haus."

"Wartesäle auf den Tod"
Das Gremium wirft den Heimen vor, die verzerrte Realität der Kranken zu funktionalisieren, um weniger den Patienten als den Pflegekräften Ruhe zu verschaffen.

Pflegeexpertin Adelheid von Stösser sieht in den fingierten Haltestellen gar eine beunruhigende Entwicklung versinnbildlicht. Viele Heime glichen heute "Wartesälen auf den Tod", in denen die Bewohner ihre letzten Monate oder Jahre untätig absitzen müssten.

Susanne Saxl von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft hat hingegen grundsätzlich nichts gegen die Attrappen einzuwenden. Entscheidend sei, wie man sie nutze. Wer unruhige Patienten zu einem Spaziergang zur Haltestelle einlade und ihnen dabei Verständnis und Anteilnahme entgegenbringe, könne sie unter Umständen beruhigen.

"Hier wird im Umgang mit kranken Menschen mit der Methode ,trial and error' gearbeitet", sagt Pflegewissenschaftler Detlef Rüsing, Leiter des Dialog- und Transferzentrums Demenz an der Universität Witten/Herdecke. "Und wer Menschen so täuscht, läuft Gefahr, sie nicht ernst zu nehmen."

So stehen die Pseudo-Haltestellen letztlich für eine heikle Entwicklung in der Geriatrie. Was in der Psychiatrie eigentlich Tabu ist, praktizieren überforderte Pflegekräfte im Umgang mit Demenzkranken immer häufiger: Sie lassen sich auf die Wahnvorstellungen der Kranken ein.

Dies, so Rüsing, zementiere die wahnhaften Ideen der Alzheimer-Patienten. Der Experte, der selbst 16 Jahre in der Pflege gearbeitet hat, ist überzeugt, dass dieses Verhalten letztlich auch den Pflegenden nicht gut tut. "Wer täglich in die Wahnwelten Dutzender Patienten eintaucht, wird auf Dauer zermürbt."

SZ - 21.04.2010

 

Kurt Tucholsky 1890 - 1935

Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann.
Das Gegenteil ist schon schwieriger.

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