Kriegsbeginn vor 70 Jahren

Veröffentlicht am 01.09.2009 in Europa

Das Schlachtschiff "Schleswig-Holstein" beschießt die Westerplatte.Der 1. September 1939 war in Norddeutschland ein herrlicher Spätsommertag mit Temperaturen um die 27 Grad und einem lauen Wind aus nordwestlichen Richtungen. Wer es sich leisten konnte, fuhr übers Wochenende an die Küste oder besuchte die Parks und Schwimmbäder der Städte. Selbstverständlich galt dies aber nur für diejenigen Einwohner, die laut den Nürnberger Rassegesetzen der Nazis "arischer Abstammung" waren: Juden war der Besuch von Bädern und Kurorten bereits 1937 endgültig verboten worden.

Im Seebad Swinemünde auf Usedom brüstete man sich, bereits in den 20er-Jahren Hakenkreuzfahnen gehisst und den Ort nach und nach "judenrein" gemacht zu haben. Aus dem dortigen Hafen lief am 24. August das deutsche Kriegs- und Schulschiff "Schleswig-Holstein" aus, offiziell, um der freien Stadt Danzig einen "Freundschaftsbesuch" abzustatten. Inoffiziell nahm das Schiff in der Nacht vom 24. auf den 25. August auf hoher See 225 ostpreußische Marineinfanteristen an Bord. Kapitän Gustav Kleikamp war bereits am 16. August zum Oberkommando der Marine nach Berlin gerufen und dort in die Angriffspläne gegen Polen eingeweiht worden.

Die "Befreiung" Danzigs

Blick auf den Danziger Hafen.Danzig mit seiner mehrheitlich deutschen Bevölkerung war nach dem Ersten Weltkrieg zum Freistaat unter dem Schutz des Völkerbundes erklärt worden und lag eingeschlossen vom polnischen Staatsgebiet zwischen den zum Deutschen Reich gehörenden Provinzen Ostpreußen und Pommern. Der Status der Stadt war den Nationalsozialisten schon lange ein Dorn im Auge und Zentrum einer von Joseph Goebbels betriebenen Propagandaschlacht, die lautstark die Forderung erhob, Danzig müsse "heim ins Reich". Dass dies nur als Vorwand diente, hatte Hitler gegenüber führenden Offizieren auf dem Obersalzberg bereits am 23. Mai 1939 deutlich gemacht: "Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich um die Erweiterung des Lebensraumes im Osten."

Am Vormittag des 25. August 1939 erreichte die "Schleswig-Holstein" den Danziger Hafen. Hans Lots aus Edemissen bei Peine war 1939 als Maschinist mit an Bord. Er berichtet über den Einlauf in das Danziger Hafenbecken: "Es durfte keiner an Land und die Marineinfanteristen sowieso nicht. Wenn sie auch nur an Deck wollten, mussten sie sich zur Tarnung Kleidung von uns leihen. Nach ein paar Tagen hieß es dann: 'Alle Mann raus, wir sind zur Befreiung Danzigs eingesetzt!'" Um 4.45 Uhr am 1. September 1939 begann schließlich der Angriff auf die "Westerplatte", eine Halbinsel vor Danzig, auf der die polnische Armee ein befestigtes Munitionslager mit etwa 218 Mann Besatzung unterhielt. Die Schüsse der "Schleswig-Holstein" gelten bis heute als Beginn des Zweiten Weltkriegs.

"… seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!"

Reichskanzler Adolf Hitler vor dem Reichstag in Berlin am 1. September 1939.Gegen zehn Uhr morgens ließ Adolf Hitler sich in Berlin zum Reichstag fahren, nachdem die Bevölkerung über den Rundfunk bereits zuvor dazu aufgefordert worden war, sich für eine Ansprache des Führers vor den Radioempfängern einzufinden. Dann sprach er die mittlerweile berühmt-berüchtigten Sätze, die eine völlige Umkehrung der realen Geschehnisse bedeuteten und die Deutschen glauben machen sollten, man führe einen gerechten Verteidigungskrieg: "Ich will nicht den Kampf gegen Frauen und Kinder führen. Ich habe meiner Luftwaffe den Auftrag gegeben, sich auf militärische Objekte bei ihren Angriffen zu beschränken. Wenn aber der Gegner daraus einen Freibrief ablesen zu können glaubt, seinerseits mit umgekehrten Methoden kämpfen zu können, dann wird er eine Antwort erhalten, dass ihm Hören und Sehen vergeht! Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!"

Auch wenn Hitler sich aus ungeklärten Gründen um eine Stunde vertat, verfehlte die Rede ihre Wirkung vor allem bei der jüngeren Generation nicht. Der Hamburger Ralph Brauer, Jahrgang 1927, berichtet von seiner Stimmung: "Als meine Mutter mir im Sommer 1939 erzählte, dass es wohl Krieg geben würde, freute ich mich. Es war ja keiner da, der sagte, das gibt eine Katastrophe." Allgemeine Kriegsbegeisterung wie teilweise zu Beginn des Ersten Weltkrieges herrschte dagegen vor allem bei den Älteren nicht. Werner Mork war damals Angestellter in einem Radiogeschäft und hatte den sogenannten "Gemeinschaftsempfang" der Führerrede vorbereitet. Er erzählt: "Alle standen ruhig auf, als das verklungen war, es war ein betretenes Schweigen. Ganz ehrlich: Mir erschien das damals zu wenig. Ich ging also auf den Dachboden, um die schwarz-weiß-rote und die Hakenkreuzfahne zu holen, weil ich dachte, jetzt müsse man doch die Fahnen hissen."

Lebensmittelrationen und Zwangsarbeit

Zwangsarbeiter in einer Munitionsfabrik.Doch auch an der propagandistisch sogenannten "Heimatfront" änderte sich der Alltag mit Beginn des Polenfeldzugs: Bereits am 1. September 1939 wurden Lebensmittelkarten für Fett und Fleisch, Milchprodukte und Zucker eingeführt, ab Oktober auch für Bekleidung. Es gelang den Nazis, im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg, die Versorgung der Bevölkerung weitgehend aufrechtzuerhalten. Dafür sorgten auch die rücksichtslose Ausbeutung der besetzten Ostgebiete, sowie die sofort mit Kriegsbeginn einsetzende Verschleppung von Millionen von Zwangsarbeitern zum "Arbeitseinsatz im Reich", der Unzähligen das Leben kostete. Ab 1939 steigerte sich die Zahl der Zwangsarbeiter kontinuierlich, bis Kriegsende leisteten allein in Hamburg 500.000 Menschen Zwangsarbeit, zumeist Sklavenarbeit unter unmenschlichen Bedingungen.

Terror gegen die Zivilbevölkerung
In Polen führte die Wehrmacht von Anfang an einen Vernichtungskrieg. Nach neuesten Forschungsergebnissen griff sogar noch vor den Schüssen der "Schleswig-Holstein" die Luftwaffe an. Vom schlesischen Schloss Schönwald aus startete gegen vier Uhr morgens ein Geschwader von sogenannten Sturzkampfbombern (Stukas). Ihr Ziel: das militärisch völlig unbedeutende polnische Städtchen Wielun, unweit der Grenze. Die Stadt war vollkommen unbefestigt, ohne Garnison, Luftabwehr oder Bunker. Ungefähr um halb fünf in der Frühe begann der Bombenterror: In drei Angriffswellen warfen die deutschen Flieger 380 Bomben mit einer Sprengkraft von zusammen über 45.000 Kilogramm ab. Rund 1.200 Menschen wurden getötet, die Stadt durch den Bombenhagel und die anschließenden Brände zu 90 Prozent zerstört. Und das, obwohl selbst der Kommandeur des Geschwaders "keine besondere Feindbeobachtung" melden konnte.

Während Hitler in Berlin also noch verkündete, die Luftwaffe beschränke sich auf militärische Ziele, hatten die Hermann Göring unterstellten Verbände bereits ihr erstes Massaker verübt. Eugeniusz Kolodziejczyk, der damals Schüler in Wielun war, erinnert sich: "Ich sah, dass ein paar Meter entfernt ein fünf- oder sechsjähriges Mädchen lag, schwarze Haare und das ganze Gesicht voller Blut. Sie war vielleicht das erste Opfer des Zweiten Weltkriegs." Der Historiker Jochen Böhler konstatiert: "Die Luftangriffe auf Polen waren von vornherein nicht als rein militärische Angriffe, sondern als Terrorangriffe geplant. In den ersten Wochen des Krieges wurden Hunderte von Ortschaften bombardiert, unabhängig davon, ob sie mit polnischen Soldaten besetzt waren oder nicht."

Am Ende kehrte der Tod heim ins Reich

Blick vom Hamburger Michel auf das zerstörte Hamburg.Nach der Besetzung Polens verheimlichte das Regime seine mörderische Kriegsführung übrigens keineswegs: Propagandaminister Goebbels ließ voller Begeisterung einen Film "über die gewaltigen Leistungen der Luftwaffe" drehen, den er voller Zynismus "Die Feuertaufe" nannte. Allerdings verfehlte der Streifen offenbar teilweise seine Wirkung, denn in den geheimen Berichten des Sicherheitsdienstes der SS heißt es, die Bilder der Zerstörung hätten vor allem bei Frauen "Stimmen des Mitleids mit den Polen" und eine "bedrückende, verängstigte Stimmung" hervorgerufen. Vielleicht ahnten einige der Kinobesucher bereits, dass die Schrecken des Krieges eines Tages heimkehren würden: Als Lübeck, Hamburg, Bremen und andere deutsche Städte ab 1942 im Feuersturm versanken, erntete die Bevölkerung in grauenvoller Weise jene Früchte des Terrors, den ihre Führung und Armee am 1. September 1939 entfesselt hatten.

Autorin/Autor: Andrej Reisin
tagesschau.de

 

Kurt Tucholsky 1890 - 1935

Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann.
Das Gegenteil ist schon schwieriger.

Counter

Besucher:3033355
Heute:32
Online:1

Nachrichten

25.05.2020 10:19 Keine Toleranz für Ausbeutung
Interview mit Rolf Mützenich für RND SPD-Fraktionsvorsitzender Rolf Mützenich fordert im Interview mit dem RND, Missbrauch von Leih- und Werkverträgen überall zu verbieten. Es dürfe keine Toleranz für Ausbeutung geben. Das ganze Interview auf spdfraktion.de

22.05.2020 06:10 Kommunaler Solidarpakt
Das öffentliche Leben findet dort statt, wo man zu Hause ist: in den Städten und Gemeinden. Mit guten Schulen und Kitas. Im Sportverein, dem Schwimmbad, der Bibliothek. Mit einem guten Angebot von Bussen und Bahnen – und von sozialen Einrichtungen. Die meisten öffentlichen Investitionen kommen aus den Kommunen. Wenn sie ausbleiben, sinkt ein Stück weit

19.05.2020 20:11 Katja Mast zu Mindestlohn Pflege / Grundrente
Leistungsträger sind nicht immer die mit Anzug und Krawatte, sondern die im Kittel Gerade die Corona-Krise macht deutlich, wie unverzichtbar der Mindestlohn ist – und warum der Tariflohn in der Pflege so wichtig ist. Katja Mast erklärt. „Corona macht deutlich: Leistungsträger sind nicht immer die mit Anzug und Krawatte, sondern die im Kittel. Wenn der

Ein Service von websozis.info

Tröge und Schweine

"Wo die Tröge sind - da sind auch die Schweine!"

(Alter Volksmund)

Herbert Wehner

"Immer wieder haben wir in der deutschen Geschichte die normative Kraft des Faktischen erlebt, noch nie aber eine die Fakten ersetzende Kraft des Phraseologischen!"

Philosophie der Läufer

Pain is temporary - pride is forever!

Geschichte der CSU

Bay. Raute

Albert Einstein - Dummheit

Zwei Dinge sind unendlich - das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.

Optimistische Menschen

Wo ein Begeisterter steht ist der Gipfel der Welt!

Joseph von Eichendorff

Banner-Websozis

Soziserver - Webhosting von Sozis für Sozis WebSozis

Otto Wels - 1933

"Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht!"

Abraham Lincoln

Man kann einige Menschen die ganz Zeit zum Narren halten
und alle Menschen einige Zeit, aber man kann nicht alle Menschen
die ganze Zeit zum Narren halten.

Revolution-Bayern

Na mach´ma halt a Revolution, dass endli wiada a Rua is!---Bayern 1918