Kapitalismus - ohne Legitimation

Veröffentlicht am 23.11.2009 in Europa

Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, gedacht als Beitrag zur Jubelfeier eines triumphierenden Kapitalismus, hat die britische BBC Ergebnisse einer weltweiten Umfrage veröffentlicht, die kaum dazu angetan gewesen wären, das Berliner „Fest der Freiheit“ vom 9. November anzureichern.
Nur eine Minderheit – nicht mehr als elf Prozent der Weltbevölkerung – teilt noch den seltsamen Köhler-Glauben, dass die „freie Marktwirtschaft“ anstandslos funktioniert, und jeder Versuch zur Regulierung dieses wunderbaren Systems nur stört. Dagegen scheint fast ein Viertel der Weltbevölkerung davon überzeugt: Wir haben es beim Kapitalismus mit einem irreparablen, nicht reformierbaren Wirtschaftssystem zu tun – eine Alternative ist wünschenswert.

Eine knappe Mehrheit von 51 Prozent der Befragten ist der Ansicht, die kapitalistische Reproduktion sei angeschlagen, aber durch Reformen innerhalb des Systems und mehr Regulierung reanimierbar.
Kapitalismuskritiker unterschiedlicher Konsequenz haben also eine Mehrheit von 74 Prozent. 2005 ermittelte das gleiche Institut Globscan bei einer ähnlich gelagerten Umfrage in 20 Ländern noch eine Majorität von 63 Prozent, die den Kapitalismus für das beste aller Systeme hielt.
Fazit all dieser Angaben: Regulierung ja, Umverteilung ja, Staatseigentum an den Produktionsmitteln ja, aber mit Vorbehalten. Das „gemischte Wirtschaftssystem“ hat weltweit mehr Freunde als der „reine“ Kapitalismus. Eine Mehrheit weiß oder ahnt, dass der Kapitalismus bisher nur überlebt hat, weil er nie Kapitalismus an sich war.
Quelle: der Freitag

 

Kurt Tucholsky 1890 - 1935

Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann.
Das Gegenteil ist schon schwieriger.

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