Gestohlene Zukunft

Veröffentlicht am 09.07.2018 in Allgemein

In den entwickelten kapitalistischen Ländern des Westens wächst die Jugendarmut – die Folgen sind katastrophal
(…) Die Bundesrepublik nimmt bei dieser sozialen Abwärtsdynamik in Konsequenz der Schröderschen »Agenda 2010« einen traurigen Spitzenplatz ein.

Die Gefahren sozialen Abstiegs und die Armutsquote sind stärker gestiegen als in vielen anderen EU-Ländern. Diese Verhältnisse wurden (zur »Sicherung des Standortes«) von Banken und Konzernen im Einvernehmen mit den politischen Apparaten geschaffen. Mit sichtlichem Stolz stellte Exkanzler Gerhard Schröder (SPD) kurz nach dem Ende seiner Amtszeit fest, dass mit seiner tatkräftigen Unterstützung in Deutschland der größte Niedriglohnsektor Europas entstanden ist. Für eine Mehrheit derer, die in den Niedriglohnsektor abrutschen, ist das die berufliche Endstation. Der Niedriglohnsektor, von dem bei seiner Schaffung gesagt wurde, dass er die Chance böte, wieder in den »ersten Arbeitsmarkt« hinüberwechseln zu können, ist zur Armuts- und Ausgrenzungsfalle geworden.
Die Konsequenzen einer Ausdünnung der sozialpolitischen Sicherungssysteme in Kombination mit einschneidenden arbeitsrechtlichen Veränderungen, die beispielsweise Leiharbeit und Werkverträge erst in dem skandalösen Umfang ermöglichten, wie wir ihn heute kennen, sind dramatisch: 25 Prozent aller Beschäftigten stecken in der Bundesrepublik in prekären Arbeitsverhältnissen fest, die Armuts- und Bedürftigkeitszonen, in denen mittlerweile mehr als 20 Prozent aller Kinder leben, breiten sich immer weiter aus.
Auch die Angehörigen der sogenannten gesellschaftlichen Mitte leben in großer Sorge, zukünftig mehr verlieren als gewinnen zu können. Viele von denen, die vor wenigen Jahren glaubten, in gesicherten Verhältnissen zu leben, müssen zur Kenntnis nehmen, dass auch Bildungszertifikate und eine gute Berufsausbildung langfristig keine Garantien mehr sind, die erreichte Sozialposition zu halten.
Wie gravierend sich die Verhältnisse vor allem für die unteren Gesellschaftsschichten verändert haben, wird durch einen statistischen Vergleich deutlich: Während 1965 nur jedes 75. Kind auf Sozialhilfe angewiesen war, ist es heute fast jedes fünfte. Groß ist die Zahl der Heranwachsenden, die auch nach ihrer Kindheit in Armutsverhältnissen feststecken, weil es Familien, die einmal in der Prekarität gelandet sind, immer schwerer fällt, ihr wieder zu entkommen. Es wird nicht ohne Berechtigung von einer Vererbung der Armut gesprochen. Es haben sich »Kulturen der Armut (gebildet), die Jugendlichen das Gefühl vermitteln, dass sie ohne Chancen sind und sich in Armut einrichten müssen«.³ Heutzutage ist es so, dass, wer in einer Familie von Geringverdienern aufwächst, als Erwachsener mit 70prozentiger Wahrscheinlichkeit ebenfalls in einer prekären Soziallage landet.
Aber auch jenen, die der Armut entkommen können, gelingt kein wirklicher sozialer Aufstieg, denn meist verbleiben sie in Zwischenbereichen der Unsicherheit, aus denen ein erneuter Abstieg jederzeit möglich und wahrscheinlicher als die Stabilisierung der Soziallage ist. Es muss davon ausgegangen werden, dass mindestens die Hälfte der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland in Armut bzw. Unsicherheit lebt. (…)
Quelle: junge Welt

 

Kurt Tucholsky 1890 - 1935

Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann.
Das Gegenteil ist schon schwieriger.

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