Gedenkfeier nach Neonazi-Morden:Wir Scheinheiligen

Veröffentlicht am 26.11.2011 in AntiFa/Migration

Die Politik in Deutschland will mit einer zentralen Trauerfeier an die Opfer der Neonazi-Morde erinnern - eine heuchlerische Veranstaltung. Denn jahrelang haben die Verantwortlichen die Gefahr des Rechtsextremismus verdrängt - Von Christian Böhme
Christian Böhme, derStandard.at, 24.11.2011

Nun stehen wir ratlos kopfschüttelnd vor den Trümmern unserer einst fest zementierten Gewissheiten und suchen nach Halt, insbesondere nach Entlastung. Also gibt sich das offizielle Deutschland zerknirscht, räumt Versäumnisse ein, schaltet auf Trauermodus und gedenkt. Hauptsache, die Verwandten, Freunde und Angehörigen der Ermordeten gewähren Absolution. Doch im Grunde ist das unmöglich. Wie sollen Menschen, die zuvor als "anders" geschmäht wurden, dem Sünder von der einen auf die andere Sekunde vergeben? Ist es den Müttern und Vätern, den Geschwistern und Kindern zuzumuten, bei einer Gedenkfeier womöglich Beifall zu spenden, wenn die Redner Betroffenheit ob des eigenen Fehlurteils demonstrieren oder in wohlgesetzten Worten Scham darüber bekunden, dass aus rassistisch motiviertem Hass in Deutschland getötet wird? Zu viel verlangt.

Heilende Kraft des Geldes?

Vielleicht ahnt die aufgeschreckte Politik ja, dass sie auf diese Form der Entlastung vorsichtshalber nicht bauen sollte. Und womöglich setzen die Verantwortlichen deshalb auf die vermeintlich heilende Kraft des Geldes. Die Familien der Neonazi-Opfer würden eine Entschädigung erhalten, kündigte das Justizministerium vor wenigen Tagen an. Man wolle mit dieser Geste ein Zeichen der Solidarität, der Anteilnahme setzen. Ein Scheck soll also die Schmerzen lindern und offenkundige Fehler weniger schwer wiegen lassen - billiger geht es kaum. Ein Ablasshandel der besonders peinlichen Art. Hoffentlich geht diese Mogel-Rechnung nicht auf. Denn wie die angekündigte Trauerfeier ist sie vor allem eines: ein Alibi.

 

Kurt Tucholsky 1890 - 1935

Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann.
Das Gegenteil ist schon schwieriger.

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