Gedenken oder geh denken?

Veröffentlicht am 08.06.2016 in Presse

Jedes Jahr berufen wir uns auf die Ereignisse von damals, lassen es in Ausrufen wie »Nie wieder!« gipfeln und trotzdem schauten wir dabei zu, wie die Gesellschaft sich immer mehr in rassistische Selbstschutzbehauptungen verstieg. Wir gedachten des Holocaust und Sarrazin war der Held von Leuten

Durch ein Andenken soll man ferner daran denken, wie es dazu kam und wo es endete. Denken wir an die viele Juden, die flüchten wollten, die aber kaum Ausreisemöglichkeiten erhielten und so in einem Deutschland harren mussten, in dem sie zunächst der Ausgrenzung und später der Verfolgung ausgesetzt waren, dann müsste man doch kapieren, wie brutal es sich ausformen kann. Die internationale Staatengemeinschaft hatte damals kläglich versagt, weil sie alle miteinander die Grenzen so dicht machten wie ihren Zugang zu Mitgefühl und Empathie. Wer daran denkt, der muss zwangsläufig zur Ansicht kommen, dass Flucht ein Ausweg sein kann und nicht etwa ein Verbrechen und Sozialschmarotzerei. Jedenfalls sollte man durch das Andenken wissen, dass Grenzschließungen keine Option sind, wenn man es mit dem Respekt vor dem menschlichen Leben ernst meint.

Jedes Jahr berufen wir uns auf die Ereignisse von damals, lassen es in Ausrufen wie »Nie wieder!« gipfeln und trotzdem schauten wir dabei zu, wie die Gesellschaft sich immer mehr in rassistische Selbstschutzbehauptungen verstieg. Wir gedachten des Holocaust und Sarrazin war der Held von Leuten, die es nicht juckte, dass da jemand von jüdischen Genen schrieb wie von einer verifizierten Annahme, die in jedem besseren Biologiebuch stehe. Wir schicken jetzt seit Generationen unsere Kinder auf Schulausflügen nach Dachau und guckten desinteressiert dabei zu, als man Moslems zur Stammzelle der Gewaltbereitschaft erklärte, sie kriminalisierte und pathologisierte. Bürgerwehren, Sorgenbürger, Montagsdemonstranten und rechte Gesinnungsträger, die sich als Partei organisieren, kommen über ein Land, das seit so vielen Jahren andenkt. Und genau das ist das Problem. Andenken sind zwar gut, eine moralisch furiose Sache, aber halt wertlos, wenn sie einstudiert und ritualisiert sind, wenn man sie als Mantra absondert und nicht verinnerlicht. Sie sind als Symbol unverzichtbar, aber wirken je weniger in den politischen Alltag hinein desto zeremonieller sie sich im Gedächtnis einer Nation verankert haben.

Besonders gut erkennt man das dieser Tage, da der Bundestag die Armenier als Volk anerkennt, dass verfolgt und getötet wurde, er aber gleichzeitig in Zurückhaltung erstarrt, wenn es um ein aktuelles Volk geht, das vor Verfolgung und Tod flüchtet. Was sind Andenken wert, wenn sie nicht dazu dienen, der Gegenwart eine Leitlinie an die Hand zu geben? Symbole wieder mal. Immer wieder Symbole. Man spricht viel von historischen Verantwortungen und meint genau das: Die Verantwortung ist historisch und irgendwo in einem Geschichtsbuch vergraben. Sie ist alt und letztlich vergangen. Nichts mehr für heute, eine Verpflichtung von gestern. Leider gilt das nun seit Jahren. Auschwitz gedenken und NSU-Prozesse verschleppen, an Novemberpogrome erinnern und heutige Flüchtlinge durch die Bank kriminalisieren. Gedenken? Geh denken!

Roberto La Puente, Ad sinistram-------

 

Kurt Tucholsky 1890 - 1935

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