Es war einmal …

Veröffentlicht am 03.07.2018 in Presse

In der Parallelwelt der SPIEGEL-Redakteure muss das letzte Jahrzehnt wunderbar gewesen sein. Deutschland wurde nicht nur Export-, sondern auch Fußballweltmeister, „wir“ waren „Schland“, so herrlich multikulti, patriotisch und doch unverkrampft, geführt von Angela Merkel, der Überkanzlerin.

Veröffentlicht in: Innen- und Gesellschaftspolitik, Medienkritik

Eines muss man dem SPIEGEL ja lassen. Er schafft es mit seinen Titelgeschichten in unregelmäßigen Abständen doch tatsächlich immer wieder, sich selbst zu unterbieten. Der aktuelle Titel „Es war einmal ein starkes Land“ gehört zweifelsohne dazu. Da wird munter vermischt, was selbst mit viel Fantasie einfach nicht in einen Zusammenhang zu bringen ist – die Performance der deutschen Fußballnationalmannschaft und die Performance der deutschen Kanzlerin. Zwischen jeder Menge Merkel-Vergötterung lautet die Botschaft: Früher war alles wunderbar und heute schwächeln „wir“. „Wir“ – das sind oberflächlich Jogi Löw und Angela Merkel; gemeint sind jedoch absurderweise wir alle. Diese „Früher-war-alles-besser”-Rhetorik mutet schon recht absurd an. Was, lieber SPIEGEL, war denn abseits des Fußballplatzes während der letzten Jahre so toll? Von Jens Berger.

In der Parallelwelt der SPIEGEL-Redakteure muss das letzte Jahrzehnt wunderbar gewesen sein. Deutschland wurde nicht nur Export-, sondern auch Fußballweltmeister, „wir“ waren „Schland“, so herrlich multikulti, patriotisch und doch unverkrampft, geführt von Angela Merkel, der Überkanzlerin. Der SPIEGEL bezeichnet sie dann auch gleich als „heimliche Anführerin der westlichen Welt, mindestens aber Europas“ – da ist sie wieder diese Bescheidenheit, für die wir Deutschen seit Kaisers Zeiten so geliebt werden. Und genau hier ist bereits der erste große Riss in der Matrix des SPIEGELs.

2004 lag das Land laut SPIEGEL am Boden. Politisch und wirtschaftlich galt „Deutschland [demnach] als der kranke Mann Europas“ und gleichzeitig schied die Fußballnationalmannschaft bei der EM sang- und klanglos bereits nach der Vorrunde aus. Dann kam die Wende. Jürgen Klinsmann brachte den deutschen Fußball auf Vordermann und Gerhard Schröder setzte die neoliberalen Reformen um, die auch vom SPIEGEL mit Nachdruck gefordert wurden. In der aktuellen Titelstory zitiert man den Fußballmanager Oliver Bierhoff mit dem dümmlichen Vergleich, „beide (gemeint sind Merkel und Löw) hätten von einer guten Vorarbeit profitiert“. Dies ist geschickte Propaganda, da man die erfolgreichen und sympathischen Neuerungen des Fußballtrainers Jürgen Klinsmann mit den katastrophalen Reformen des Kanzlers Schröder in einen Topf wirft. Kein Wort davon, dass Klinsmann den deutschen Fußball weitergebracht hat, während Schröders Reformen nicht nur Teile der Gesellschaft in die Armut getrieben haben, sondern auch ganz Europa mit einem Rattenrennen um mehr Wettbewerbsfähigkeit in eine Abwärtsspirale aus Lohnsenkungen, Konjunktureinbrüchen und Steuerausfällen getrieben haben, von der sich der Kontinent noch immer nicht erholt hat. 

Und in dieser Machart geht die SPIEGEL-Geschichte weiter. Im Sommer 2010, vier Jahre nach dem „Sommermärchen“, läuft Deutschland zur Höchstform auf. Merkel regiert durch und ihr Pendant am Spielfeldrand lässt „unsere Jungs“ bei der WM in Südafrika ihr wohl erfolgreichstes Turnier spielen. Vier Jahre später sind beide dann auf dem verdienten Höhepunkt angelangt und kassieren den „gerechten Lohn“. Doch von dort an geht es bergab. Was für die Kanzlerin die Flüchtlinge, ist für Löw der Fototermin von Özil und Gündogan bei Erdogan und das absurde Theaterstück vom „Koalitionskrach“ wird in Verbindung zum wohl verdienten Frühausscheiden der Nationalmannschaft bei der diesjährigen WM in Russland gesetzt. Merkel gibt ihre Führungsrolle an Macron ab und „die Mannschaft“ wird von der Équipe Tricolor in den Schatten gestellt, während laut SPIEGEL China – was auch immer das heißen soll – wieder zurück zu den Machtgrenzen der Qing-Dynastie will, Putin den Traum eines hegemonialen Russlands träumt und Trump die EU und die Uno „womöglich gleich mit“ zerbrechen sähe. Ei der Daus! In diesen Sätzen steckt so viel Unsinn, dass man gar nicht weiß, ob man sich wirklich ernsthaft damit auseinandersetzen sollte.

Wichtig ist zunächst, dass die Fußball-Metapher schlicht nicht passt. Fußball ist ein Wettkampf, bei dem eine Mannschaft verliert und die andere gewinnt. Als Merkel – laut SPIEGEL – 2010 ihre beste Performance hinlegte, stürzte die Eurozone in eine schwere Wirtschaftskrise, die durch Merkels Politik massiv verschlimmert wurde. Nun ist es aber nicht so, dass Deutschland – wie beim Fußball – gegen Länder wie Irland, Griechenland, Spanien oder Portugal gewonnen hätte. In einer Wirtschaftsgemeinschaft sind die Niederlagen des Einen eben nicht die Siege des Anderen. „Den Deutschen“ geht kein Jota besser, weil es „den Griechen“ schlechter geht. Im Gegenteil. Aber ein ehemaliges Nachrichtenmagazin, das tatsächlich die Fußballweltmeisterschaft mit der Exportweltmeisterschaft vergleicht, wird diesen Zusammenhang wohl nie verstehen.

 

Kurt Tucholsky 1890 - 1935

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