Die deutsche Religionspolizei

Veröffentlicht am 07.05.2016 in Presse

Vor allem seit Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise häufen sich diese Zwischenfälle. Nein, nicht Muslime, die Kruzifixe abnehmen. Es häufen sich die Fälle, in denen Journalisten auch nach den kleinsten migrantischen Verhaltensauffälligkeiten fahnden.

Mit der Sensibilität für religiöses Fehlverhalten, dass sonst nur saudischen Religionspolizisten zu eigen ist, sucht in Deutschland eine immer größer werdende Zahl von redaktionellen Sittenwächtern unnachgiebig sämtliche Moscheen, Kitas und Aldi-Tiefkühltruhen nach immer belangloserer Anzeichen von Unvereinbarkeit mit einer erfundenen abendländischen Mehrheitskultur ab. Neu ist dieses Phänomen freilich nicht. Die »Skandalberichterstattung« über den Anteil an Halal-Salami beim Discounter ist vor vielen Jahren auf rechten Islam-Hasser-Blogs erfunden wurden. Später drängte die schizophrene Parallelkultur aus den Hinterhöfen hinaus auf die Straßen (Pegida) und schließlich sogar in die Parlamente (AfD). Heute ist das Halluzinieren vor einer angeblich islamischen Überfremdung längst im Mainstream angekommen: Mindestens einmal pro Woche wird in irgendeiner Lokalzeitung das Ende staatlicher Neutralität verkündet, weil in der örtlichen Universität Spuren von Gebetsteppichen gefunden wurden. Wo auch immer ein Migrant vom Beckenrand ins Freibad springt oder eine Migrantin eben nicht ins Schulschwimmbad springen will, kann man sich sicher sein, dass irgendein Reporter umgehend einen Bruchlinienkonflikt im Sinne von Huntingtons »Kampf der Kulturen« ausmacht.
Quelle: Fabian Köhler, Neues Deutschland

 

Kurt Tucholsky 1890 - 1935

Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann.
Das Gegenteil ist schon schwieriger.

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