Das Geld ist längst weg

Veröffentlicht am 13.04.2015 in Europa

Wer Geld für die Vergangenheit verlangt, ruiniert die Wirtschaftsleistung der Zukunft. Deshalb zahlte Deutschland keine Reparationen. Und darum kann auch Griechenland die Schulden nie begleichen…

Moralisch sind Geldschulden und Reparationen zwar unvergleichlich, weil man Kredite nicht gegen Millionen Tote aufrechnen kann. Aber ökonomisch ist das Problem identisch: Wer Geld für die Vergangenheit verlangt, ruiniert die Wirtschaftsleistung der Zukunft. Am Ende sind alle ärmer – nicht nur die Schuldner…
Viele Menschen glauben, Geld mache reich. Kein Irrtum könnte größer sein. Das Finanzvermögen ist rein virtuell und zunächst nur eine Computerzahl auf einem Konto. Es ist die Kehrseite der Schulden, die ein anderer hat. Der eigentliche Wohlstand einer Gesellschaft sind die realen Waren und Dienstleistungen, die sie jährlich produziert – auch “Wirtschaftsleistung” genannt. Nur diese Güter existieren wirklich, sie sind die Gegenwart. Doch in Europa ist ein seltsames Phänomen zu beobachten: Um die Schulden der Vergangenheit zurückzuzahlen, wird die Wirtschaftsleistung der Gegenwart abgewürgt. Die Eurozone verabsolutiert Geld, das längst weg ist, und ruiniert den Wohlstand, der möglich wäre. Die Krisenländer leiden besonders, aber auch die Bundesrepublik bleibt weit hinter den Wachstumsraten zurück, die sie haben könnte. Es ist merkwürdig. Die Deutschen finden es selbstverständlich, dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg kaum Reparationen abführen mussten, weil es ökonomisch unmöglich gewesen wäre. Aber sie wollen nicht verstehen, dass genau die gleichen wirtschaftlichen Zusammenhänge erklären, warum die Krisenländer ihre Schulden nicht zurückzahlen können.
Quelle: Ulrike Herrmann in der taz

 

Kurt Tucholsky 1890 - 1935

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