Blockupy-Proteste: Gewalt gegen Gewalt

Veröffentlicht am 20.03.2015 in Wirtschaft

Aus den Protesten gegen die EZB wurde in Frankfurt ein Aufruhr gegen das System – und viele sind empört. Aber wenn wir die Gewalt der Straße verachten, warum akzeptieren wir dann die Gewalt der Politik? […]

Einer der Vordenker der Protestbewegung, Herbert Marcuse, hatte schon 1964 geschrieben, dass die “traditionellen Mittel und Wege des Protests” unwirksam geworden seien, weil der moderne Kapitalismus gelernt habe, auch den Protest zu integrieren. Marcuse sagte, wer in der Gesellschaft der “repressiven Toleranz” sein Rechte ausübt – das Recht der Wahl, der freien Rede, der unabhängigen Presse – trage allein dadurch zum Anschein bei, dass es noch demokratische Freiheiten gebe, die in Wirklichkeit jedoch längst ihren Inhalt verloren hätten: “In einem solchen Fall wird die Freiheit zu einem Instrument, die Knechtschaft freizusprechen.“ […]
Und unter anderem gegen das Leid in diesen Ländern richtet sich ja der Frankfurter Protest: gegen die schändliche Jugendarbeitslosigkeit in Spanien, gegen den sozialen Zusammenbruch in Griechenland. Es kann sich niemand mehr Illusionen über die katastrophalen Folgen der Austeritätspolitik für Griechenland machen. Aber Athen ist weit. Was dort geschieht, sehen wir nicht. Aber jetzt sehen wir den Rauch über Frankfurt.
Die Gewalt der Protestierenden wird einhellig verurteilt. Aber die Gewalt des Systems ignorieren wir. Was ist mehr wert: Das Leben eines griechischen Rentners? Oder ein deutscher Streifenwagen?
Quelle: Kolumne von Jakob Augstein

Aus den Kommentaren: Recht hat er bezogen auf unsere Heuchelei und Doppelmoral. Es ist noch gar nicht so lange her, da haben deutsche Politiker die bezahlten und schwer bewaffneten gewaltbereiten Demonstranten in der Ukraine als Helden gefeiert. Da gehörten Baseballschläger, Pflastersteine und Molotow Coktails zur Grundausstattung der angeblich so friedlichen Demonstrationen. Was gestern fehlte, war Frau Nuland mit Keksen und Dollars und die Adenauer Stiftung mit ihren Geldkoffern. Als Krönung vielleicht noch Lawrow, der die Massen einpeitscht. Dann hätten wir Zustände wie damals auf dem Maidan und monatelange Diskussionen auf allen Ebenen.

 

Kurt Tucholsky 1890 - 1935

Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann.
Das Gegenteil ist schon schwieriger.

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